Deutsch (DE-CH-AT)Português (Brasil)English (United Kingdom)
Newsflash

(…)bevor der Graf hinzusprang und den Angreifer von hinten packte, sodass Ida sich vom Boden erheben konnte.

Read more...

Auch Berchthold erhielt noch einen Schnitt über die ganze Hand. Der Schwarze, nun voller Wut über seine Verwundung, griff erneut mit dem Messer an, und hätte man nicht Pferdetritte gehört, die beiden wären wohl endgültig verloren gewesen.

So aber liess der Mordbube von seinen Opfern ab und verschwand im Urwald. Es erschienen zwei Reiter, die vom Pferd sprangen, als sie die blutenden Wunden sahen, und die Verfolgung aufnahmen.
Der Wegelagerer wurde mithilfe von zwei anderen Schwarzen bald gefangen und mit einer tüchtigen Tracht Prügel sowie heftigen Schlägen auf den Kopf belohnt. Dabei verzog er keine Miene, blieb wie erstarrt liegen und biss dann wütend um sich, als sie ihn aufhoben und zum nächsten Haus trugen.

Pfeiffer und der Graf liessen sich ihre Wunden verbinden und setzten die Wanderung fort, nicht ganz ohne Angst, wenn ihnen Schwarze begegneten, doch ohne weitere Zwischenfälle ‚und in immerwährender Bewunderung der reizenden Landschaft.’

Später, in Rio, wunderte man sich sehr über diesen, wie man meinte, durchaus ungewöhnlichen Angriff, und nur angesichts ihrer Wunden wurde ihnen Glauben geschenkt. Sie erfuhren, dass der Bursche von seinem Herrn wegen eines Vergehens gezüchtigt worden war und sein Hass auf die Weissen ihn zu der Tat getrieben hatte. Ida und Berchthold erlebten nun die erst vierzehn Monate zuvor von Einwanderern aus Deutschland und der Schweiz gegründete Urwaldstadt Petrópolis in ihren Anfängen.
Hier auf 800 Meterim Hochtal der Serra dos Órgaos gelegen, gediehen europäisches Gemüse und Früchte, die in der Hauptstadt verkauft wurden.

Eine kleine Reihe von Häusern bildete die erste Strasse, ein im Bau befindliches grösseres Gebäude sollte das Lustschloss des Kaisers Pedro II. werden, nach dem die Stadt benannt war. Weiter im Wald lagen noch einzelne Häuschen. Das war der Ort, der in den70ger Jahren des folgenden Jahrhunderts über 100 000 Einwohner zählen sollte.

Im Gegensatz zu Einwanderern, die in der Annahme unbegrenzte Landreserven vorzufinden, aufs Geratewohl gekommen waren (wie man sie auch im 20.Jahrhundert noch treffen konnte), hatten diese Neusiedler den Vorteil, gerufen worden zu sein. Es waren Handwerker und Krämer, denen man kleine Bauplätze in der Nähe des Schlosses zugewiesen, und Bauern, die 2-3 Joch (etwa 1-1,5ha) Land erhalten hatten.
‚Was für Elend’, schrieb Pfeiffer, ‚mögen die Guten in ihrem Vaterlande erlitten haben, um einiger Joche Landes wegen einen fremden Weltteil aufzusuchen!’ Sie fand in Petrópolis auch eine alte Bekannte vom Schiff, ein altes Mütterchen, das herübergekommen war, um bei seinem Sohn zu leben, und das die Freude über die Vereinigung sichtlich verjüngt hatte. Schlimmer war es einer ebenfalls mitreisenden Putzmacherin (Modistin) ergangen, die ihrem Mann, einem Schneider folgen wollte. Sie hatte ihren Beruf aufgegeben und das ersparte Geld für die Reise geopfert, aber als der Mann von ihrer Ankunft erfuhr, ging er unter Hinterlassung von Schulden mit einer schwarzen Gefährtin davon.

Zum Glück fand die Gestrandete freundliche Menschen, die sich ihrer annahmen. Beim Rundgang durch die Kolonie erwies Ida Pfeiffer eine erstaunliche Klarsicht, zu der sich selbst viele unserer Zeitgenossen im 20.Jahrhunder noch immer nicht durchringen können: Sie sah Erosionsschäden voraus, da die ,umgebenden Berge so steil sind, dass, wenn sie von den Bäumen entblösst und in Gartenland umgeschaffen sind, die weiche Erde leicht von den starken Regengüssen herabgeschwemmt werden kann.’

Der Überfall hinderte sie nicht, Brasilien weiter zu erkunden, und der Graf war bereit, sie zu be-gleiten. Sie wollten den Ureinwohnern im Landesinnern einen Besuch abstatten.

Aber dann musste Ida ihren Gefährten doch schon in Novo Friburgo zurücklassen, da die Wunde an seiner Hand sich entzündet hatte und an eine Weiterreise nicht zu denken war. Seit der Gründung im Jahre 1808 durch die Franzosen und Schweizer waren dort noch kaum hundert Gemauerte Häuser entstanden, und niemand konnte sich vorstellen, dass das Gebiet zum Erholungsort für die Bewohner von Rio de Janeiro werden und 1970 selbst an die 66 000 Einwohner haben würde. 

Ida Pfeiffers Zustand war besser als der des Grafen, ihre Verletzungen heilten ab und würden sie nicht behindern. Aber sollte sie allein weiterziehen oder den Besuch bei den Tupi-Indianern, der ihr so wichtig war, aufgeben? Als sie sich erkundigte, ob man mit einiger Sicherheit dorthin reisen könne, erhielt sie vage Antworten. Doch da die Leute nicht direkt abrieten, fand sie keinen Grund auf die Tour zu verzichten.

Einer der Europäer besorgte ihr einen zuverlässigen Führer, und sie bewaffnete sich mit einer guten Doppelpistole – Ida kannte keine Furcht. Unterwegs waren häufig Waldbrände zu sehen, die man zur Rodung legte, und ihr Wunsch, einmal in die Nähe eines solchen Feuers zu kommen, wurde erfüllt. Vor einer gefährlich rauchenden Schlucht, sassen zwei Männer, die die Herankommenden warnten und zur Eile mahnten. Darauf trieben die beiden Reiter ihre Pferde an und sprengten inmitten glühender Asche und erstickenden Qualms hindurch.

Die einsam in undurchdringlichen Waldungen liegenden Gasthäuser, in denen Ida zunächst noch übernachten konnte, waren ganz ungesichert und sie bewunderte den Mut der Brasilianer, die als Plantagenbesitzer allein zwischen zahllosen Sklaven lebten. Allerdings war jeder, den sie traf, mit Pistolen und langen Messern bewaffnet. Da man ihr jedoch versichert hatte, dass keine Gefahr bestünde, verbrachte sie die Nacht in ruhigem Schlaf.

Später waren auch keine Rasthäuser mehr anzutreffen, und sie musste sehen, dass sie bei irgendjemandem bleiben konnte. Überall fragte man, ob sie sich nicht fürchte, so allein und nur mit einem Führer, und ihn nahm man beiseite und erkundigte sich, warum diese seltsame Frau eigentlich hier herumreise. Der hielt sie für eine Naturforscherin, und das machte ihre Unternehmungen verständlich.
In der letzten Niederlassung von Weissen, das heisst, neu eingewanderten Europäern wie auch seitsehr langer Zeit angesiedelten Portugiesen, fühlte sie sich schon wie unter ‚Wilden’, wenn sie den heruntergekommenen Zustand der Leute betrachtete.
Aber sie waren gastfreundlich, und im Kreis der Frauen kam mit ein paar Brocken Portugiesisch, einigen Gesten und Zeichnungen sogar etwas Ähnliches wie eine Unterhaltung in Gang. Sie zeigte ihre gesammelten Blumen und Insekten, musste Ratschläge erteilen für Ohrenstechen, Hautausschläge und Skrofulose, sie verordnete lauwarme Bäder, Waschungen, Öl-und Seifeneinreibungen und dachte im Stillen: ‚Wollte Gott, dass das wirklich alles hilft!’

Zu den Indianern musste sie sich mit zwei Dorfbewohnern acht Stunden lang durchs Dickicht arbeiten und war entsetzt über die Dürftigkeit und das Elend, das sie vorfand. Viele von ihnen waren Christen, warum auch hätten sie die Taufe verweigern sollen: etwas Branntwein und Tabak waren schliesslich nicht zu verachten, nur schade, dass das nicht öfter geschehen konnte. Der Priester war auch zufrieden, er hatte durch die heilige Handlung ein Stück Himmel gewonnen und sah keine Veranlassung, sich weiter um die neuen Gemeindemitglieder zu kümmern.
Pfeiffer besuchte alle Hütten, und da sie von ihren Begleitern als eine Frau mit vielen Kenntnissen gepriesen wurde, baten viele Kranke um ihren Rat. Sie ging auch mit auf die Jagd und verspeiste später mit ihren Gastgebern den auf hölzernen Spiessen gerösteten Affen, den sie überaus köstlich fand, wenn er auch nicht so zart und schmackhaft war wie das Fleisch der Papageien.
Natürlich liess sie sich Tänze vorführen, über die sie in ihrer offenen, drastischen Art berichtete. Aber der Siegestanz, dessen wilde Bewegungen von durchdringenden Tönen untermalt wurde, flösste ihr doch Schrecken ein, wenn sie sich vorstellte, möglicherweise wirklich von Feinden umzingelt zu sein.

Doch die Leute waren freundlich gesinnt, boten ihr die beste ihrer Hütten an, wo sie den Mantel als Lager auf den Boden breitete und ihren Kopf auf ein Stück Holz legte. In der Stille der Nacht wurde ihr doch etwas unbehaglich zumute. Sie dachte an die wilden Tiere ringsum, an die Schlangen, die vielleicht ganz in der Nähe ihres ungeschützten Obdachs hausten. Aber dann tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass andere Reisende die Gefahren gewiss übertrieben hatten, sonst würden die Indianer nicht so unbekümmert in ihren offenen Behausungen leben. Zum Abschied beschenkte sie ihre Gastgeber mit Bronzeschmuck, der so grossen Gefallen fand, dass sie ihr alles anboten, was sie besassen, und sie nahm sich einen Bogen und zwei Pfeile zur Erinnerung mit. 

Die nächste Reise sollte sie vom Atlantik in den Pazifik bringen, von Kap Hoorn nach Hongkong, Kanton. 
(E. Donner, Und nirgends eine Karawane – Die Weltreisen der Ida Pfeiffer (1797-1858), adapt.)

 
Banner